Werder (Havel), 14.07.2025 – Während andere Künstlergrößen schon mit der Hälfte der Bühnenjahre mit einem alles regelnden Assistenten durch die Lande reisen, war ganz ohne große Welle vor sich herschieben lassend am Samstag Winfried Glatzeder im Werderaner Scala. Besser noch: Der 80-Jährige war die Welle selbst.
Reichlich zwei Stunden ist der Mann, der mal Paul war, mal nach der Oma kam oder als Tatort-Kommissar Roiter für den SFB ermittelte, am 12. Juli über die Bühne des Werderaner Kinos gewuselt. Mal am Mikro, um Episoden aus seiner Biografie zu lesen, mal am Bühnenrand oder im Saal, um mit den rund 90 Leuten im Publikum über Anekdoten aus sechzig Jahren Künstlerleben zu reden. Immer mit auf seinen Lippen schwingend: ein feiner, leicht schwarzer Humor.
Lesung und Talk: Eine Ankündigung, die nicht übertrieben war. Ob vorher mitten im Einlassgeschehen, später im Saal oder danach wieder im Foyer: Glatzeder war immer ganz nah dran an den Leuten. Herzergreifend: Gäste haben dem Barden Geschenke mitgebracht.
„Was wollt Ihr wissen?“: Bei Glatzeders Lesungen sind scheinbar gerne auch die Besucher Teil der Aufführung. So auch an diesem verregneten Sommerabend an der Eisenbahnstraße. Wie sind Sie an die Schauspielschule gekommen? Wie kam es zum Dschungelcamp? Wo lernen Sie Text? Welche Rolle würden Sie gerne spielen? Glatzeder liefert mit klugem Witz, entwaffnet mit gnadenloser Offenheit und zitiert aus dem Stand gleich noch den halben „König Lear“.
Glatzeder im Scala, das war nicht ein x-beliebiger Promi, der mal eben einen Tourstopp gemacht hat, um die Kohle in Werder abzugreifen. Dieser Abend war ein wandelndes Stück deutsch-deutscher Film- und Theatergeschichte im schönen Lichtspielhaus der Blütenstadt. Mit einer Künstlerlaufbahn, die vor mehr als 60 Jahren gleich hier um die Ecke in Babelsberg ihre Anfänge nahm. Danke an Gösta für die Idee, uns diesen Termin zu sichern. Die Feier zum 85. des Scala holen wir nach, vielleicht auch mit dem Freundeskreis.